Evangelische Immanuel-Pfingstberg-Gemeinde

Geistliches Wort

Predigt zu Neujahr 2017

 

Johannes 14
Jesus der Weg zum Vater
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
4 Und wo ich hingehe, den Weg wißt ihr.
5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

 

Liebe Gemeinde,

 

„Euer Herz erschrecke nicht“ – mit diesen Worten beginnt unser heutiger Predigttext. Euer Herz erschrecke nicht – das klingt wie ein Appell, wie eine Auforderung, heute am Altjahresabend. Das klingt so ähnlich, wie: Bleibt doch cool und gelassen. Auch wenn alles um euch herum in die Brüche gehen scheint, auch wenn die Zeiten schwer sind, auch wenn kein Ende der Talfahrt abzusehen ist, auch wenn das Licht am Ende des Tunnels nicht sichtbar ist – macht euch keine Sorgen. Alles wird gut.
„Euer Herz erschrecke nicht“ – eine simple Beruhigungsparole von Jesus, damit man sich nicht allzu sehr sorgt? Damit man auch in diesem Jahr wieder beschwingt Silvester feiern kann, das alte, kranke Jahr 2016 fröhlich verabschieden und das neue stürmisch begrüßen?
Dabei gab es doch gerade in diesem Jahr eine Menge Nachrichten, die unser Herz erschrecken ließen. Weltweit, landesweit und möglicherweise bei manchen auch privat. Denken wir nur an die vielen Opfer des Terrors, die 2016 gefordert hat. In Berlin, in Nizza und an so vielen anderen Orten. Schauplätze einer Gewaltspirale, die sich immer weiter zu drehen scheint, die offenbar niemand stoppen kann. Oder die schrecklichen Bilder aus Aleppo. Das furchtbare Leiden der Bevölkerung, mitten im Kriegs- und Kampfgebiet. So viele Opfer, so viel Hilflosigkeit seitens derer, die das Sterben Unschuldiger verhindern wollten. Aber nicht nur die erschreckend hohe Zahl von Meldungen über Terror und Gewalt, über Krieg und Fanatismus haben uns verunsichert. Auch die politische Entwicklung in unserer Welt gibt eher Anlass zur Sorge als zur Beruhigung. Die Wahl in den USA und ihr unerwarteter Ausgang. Die Unsicherheit, was das wohl für ein Präsident sein wird, der nun vier Jahre lang die mächtigste Militärmacht der Welt regiert. Der ebenfalls unerwartete Brexit mit all seinen Folgen für Europa. Folgen, die noch gar nicht abzusehen sind. Und auch in unserem Land, so scheint es, wächst die Zahl der Unzufriedenen und Zornigen immer mehr. Menschen, die unseren Politikern kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Die einfach das Gefühl haben, immer am falschen Ende der Schlange zu stehen. Die befürchten, dass ihr noch vorhandener kleiner Wohlstand und ihre Sicherheit bald gänzlich aufgebraucht sein werden. Wie lange hält sie wohl noch durch, unsere freie, liberale, offene Gesellschaft, deren Vorteile wir alle so selbstverständlich in Anspruch nehmen – und die doch politisch von recht und von links zunehmend in Frage gestellt wird? Und welche politischen Persönlichkeiten könnten es sein, die das Vertrauen in unsere Demokratie wieder stärken, den Menschen Mut machen, weiter an dieses System zu glauben?

 

„Euer Herz erschrecke nicht.“ Wie sieht es in unserer Kirche aus: Zum einen stehen wir am Beginn eines großen Jubiläumsjahres, das wir mit vielen besonderen Festen und Feiern zelebrieren werden. Zum anderen verliert jede evangelische Gemeinde in Mannheim im Durchschnitt jährlich 30 bis 40 Mitglieder. Wozu dies führt, spüren wir schon seit vielen Jahren an unseren knappen Budgets und an Gemeinden, die alleine immer weniger gut zurecht kommen; die ihre Angebote für die Menschen in den Stadtteilen immer schwerer aus eigener Kraft aufrecht erhalten können. Eine Entwicklung, die sich auf absehbare Zeit wohl kaum ändern wird und die die Notwendigkeit zur übergemeindlichen Zusammenarbeit immer dringender geboten erscheinen lässt.
Und schließlich wollen wir auch die ganz privaten Tragödien nicht vergessen, die 2016 für so manche von uns gebracht hat. Für diejenigen, die einen liebe Menschen verloren haben, manchmal unerwartet oder viel zu früh. Die Familien, die sich in diesem Jahr getrennt haben. Die Beziehungen und Freundschaften, die zerbrachen. Die Arbeitsplätze, die verloren gingen. Die Existenzen, die zerstört wurden.

 

Euer Herz erschrecke nicht? Fast ist man geneigt zu sagen: „Jesus, du hast leicht reden.“
Aber stimmt das wirklich? Hat er das? Ich glaube nicht. Denn Jesus spricht ja in unserem Text von seinem eigenen Tod. Er weiß, dass sein Ende beschlossene Sache ist. Er weiß, dass die Mächtigen ihr Urteil über ihn schon gefällt haben. Und Jesus weiß auch, wie dieser Tod auf seine Anhänger wirken wird: So, wie der komplette Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen und Träume.
Gerade er schien doch für eine neue Zukunft zu stehen. Für eine bessere Welt. Mit Frieden und Nächstenliebe. Mit Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit. Was haben sie mit ihm nicht alles an Wundern erlebt; besonders natürlich die zwölf Männer, die er seine engsten Freude nennt. Was haben sie nicht alles erhofft von Jesus. Für die Zukunft. Für die Menschen in Israel. Für sich selbst. Was waren sie selbst nicht alles bereit zu tun dafür. Und all ihre Hoffnung ruhten auf diesem einen Mann. Auf dem Jesus, der nun seinen baldigen, unabwendbaren Tod ankündigt.
Und dann zu ihnen sagt: Euer Herz erschrecke nicht. Trotz allem, was ihr nun mit mir erleben werdet. An Grausamkeit und Ungerechtigkeit. An politischer Willkür. An Menschen, die so an ihrer Macht hängen, dass sie bereit sind zu Lüge, Verrat und Mord. Für die ich nur ein Hindernis bin, das aus dem Weg geräumt werden muss. Wie kann Jesus in dieser Stunde so zuversichtlich sein? Woher nimmt er seine Hoffnung und seinen Mut? Er, der dem sicheren Tod entgegengeht? Hören wir noch einmal, wie unser Predigttext weitergeht: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Und ich gehe hin euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich wiederkomme, will ich euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“

 

Auf Friedhöfen wird dieser Text gerne gesprochen. Das Bild von den vielen Wohnungen, die Gott für uns hat, verlockt uns, an den Himmel zu denken. An das Jenseits, in das uns Jesus vorausgegangen ist und in das wir ihm irgendwann folgen werden. Ein Ort, an dem es uns gut gehen wird. So hoffen wir jedes Mal, wenn wir einen Menschen zu Grabe tragen.
Wir aber, die wir hier versammelt sind, wollen heute ja nicht in den Himmel kommen. Wir wollen nur ein wenig Hoffnung finden, die wir ins neue Jahr mit hinübernehmen können. Und ich glaube auch nicht, dass Jesus diese Worte nur jenseitig gemeint hat. Denn was wäre das für ein Trost gewesen, wenn er seinen Jüngern nur hätte sagen können: Ja, ich werde bald eines grausamen Todes sterben und mit mir alle Hoffnungen. Aber im nächsten Leben, da werden wir uns wiedersehen.
So kann Jesus das eigentlich nicht gemeint haben. Als Vertröstung auf ein hoffentlich gutes Jenseits. Ich glaube vielmehr, es geht ihm nach wie vor um diese Welt. Und um die Zukunft seiner Anhänger in diesem Leben. So, wie auch wir heute Hoffnung suchen für unsere Welt. Ganz real, nicht für ein noch so tröstliches Jenseits. Unsere Welt, die 2016 so viel Trauriges gesehen hat und die bestimmt 2017 auch sehr viel Trauriges sehen wird, die soll neue Hoffnung bekommen. Neuen Mut und neue Kraft.

 

„In meines Vaters Hause“ – könnte damit nicht auch unsere Wirklichkeit gemeint sein? Ist nicht auch diese Welt seine, „Gottes“ Welt? Und die vielen Wohnungen – die könnten doch einfach die Plätze und Orte sein, an denen Menschen sich so verhalten, wie Gott es für gut und richtig hält. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, das könnte dann bedeuten: Es gibt auf dieser Welt immer noch viele Orte, an denen Gott zu finden ist. In Menschen, die die Liebe über den Hass siegen lassen. In Menschen, die nicht fragen: Was springt für mich dabei heraus, sondern: Was kann ich für andere tun? In Menschen, die immer noch an die Macht Gottes glauben. Und die weiterhin an seiner neuen Welt mitbauen. Trotz aller Kriege und Krisen, trotz aller Gewalt und Willkür, trotz allem Hass und aller Feindseligkeit.

 

„Ich werde euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“ – können wir diese Worte dann nicht auch so verstehen: Wenn ihr in meinem Namen versucht, diese Welt liebevoller, gerechter und heiler zu machen, dann werde ich bei euch sein. Ich werde euch begleiten mit meinem Geist, mit meiner Kraft und mit meinem Mut. Ihr müsst euren Weg nicht alleine gehen. Denn euer Weg ist dann auch mein Weg: Und ihr seid dann dort, wo ich bin.
So müssen es damals auch die Jünger verstanden haben. Aber nicht gleich. Erst, als der auferstandene Jesus in ihr Leben trat. Als deutlich wurde: Die Liebe Gottes, menschgeworden in Jesus Christus, lässt sich nicht unterdrücken von Hass und Gewalt, von Grausamkeit und Ungerechtigkeit und auch nicht vom Tod. Als deutlich wurde: Es gibt tatsächlich einen Grund zu hoffen. Und dieser Grund heißt immer noch Jesus. Auch nach seinem Weg durch Leid und Tod hindurch. Jetzt erst recht. Vertraut ihm und baut mit ihm an einer neuen Welt. Und das tun Menschen bis heute. Überall. Gegen alle Zeichen von Chaos und Zerfall. Gegen all die bösen Mächte, die diese Welt auch 2016 in ihren Griff hatten.

Jesus Christus verspricht auch uns heute Abend: Ich werde weiterhin bei Euch sein auf all Euren Wegen. Ich werde Eure Kraft und Euer Mut sein, wenn ihr in dieser Welt das Gute wagt. Es gab schon 2016 viele Zeichen dieses Mutes. Viele Menschen in Not durften Solidarität und Hilfe erfahren. In unserer Welt, in unserem Land und auch hier in Mannheim. Und ich bin mir ganz sicher, dass diese vielen kleinen Lichter der Nächstenliebe und der Menschlichkeit auch das Dunkel von 2017 erleuchten werden. Es gibt nach wie vor die Kraft des Guten in unserer Welt. Und es gibt einen Herrn, der uns sagt: Wenn Ihr versucht, den Weg der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens zu gehen, dann bin ich an Eurer Seite.

 

Ich wünsche uns allen, dass auch wir diese Begleitung im neuen Jahr immer wieder spüren und erleben dürfen. Und ich wünsche uns den Mut, gemeinsam weiter an Gottes neuer und guter Welt mitzubauen. Auch als Gemeinden, die dies vereint und zuversichtlich tun. Zum Beispiel mit einem gemeinsamen Sommerfest für den ganzen Süden Mannheims am 25. Juni an der Versöhnungskirche. Wir mögen zwar rechnerisch immer weniger werden – aber wir können unsere Kräfte sinnvoll bündeln und gemeinsam viel erreichen. Da bin ich ganz sicher.

 

Und daher: Lasst uns nun – trotz allem - zuversichtlich in dieses neue Jahr 2017 gehen. Auch wenn es in vieler Hinsicht bestimmt kein leichtes Jahr werden wird. Unser Herz wird wohl auch in den kommenden 12 Monaten so einiges an Traurigem, Schrecklichen oder Beunruhigendem ertragen müssen.
Aber auf eines dürfen wir als Gemeinde Gottes auf Erden immer hoffen: Solange wir auf dem Weg sind, der mit Jesus Christus begonnen hat, werden wir immer auf einem guten Wege sein. Sogar in dunklen Tälern, auf dornigen Wegen, oder durch dürre Wüsten. Und ganz gewiss auch im neuen Jahr.

 

Und der Friede Gottes sei mit euch.
Amen

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Predigt zu Weihnachten 2016

 

Liebe Gemeinde,

 

endlich ist er da: Der Abend aller Abende. Das Fest aller Feste. Weihnachten steht unmittelbar bevor – ja, es hat wahrscheinlich für viele von Ihnen schon begonnen. Nach wochenlangem Vorbereiten, Einkaufen, Verpacken, die Wohnung herrichten, Karten schreiben, Rezepte aussuchen, Baum schmücken und was weiß ich noch allem möchten bestimmt auch Sie nun endlich die verdienten Früchte all dieser Mühe genießen und ein paar wirklich außergewöhnliche Tage erleben. Und mir erlauben Sie bitte, dass ich Ihnen allen nun von Herzen ein frohes Weihnachtsfest wünsche. Auf dass es Ihnen allen gut gehen möge.

 

Aber … und diese Frage stelle bestimmt nicht nur ich mir jetzt: geht es Ihnen allen überhaupt gut? Heute, an Heiligabend? An Weihnachten? Können Sie heute überhaupt ein frohes, unbeschwertes Fest erleben? Und weil ich zwar Pfarrer, aber nicht unbedingt weltfremd bin, habe ich weitergedacht. Eigentlich kann ich das gar nicht: Ihnen allen so pauschal ein „frohes Weihnachten“ wünschen.

 

Das heißt: Wünschen kann ich es schon. Aber es wird einfach nicht für alle möglich sein. Es wird heute Abend viele unter uns geben, deren Vorfreude und Sehnsucht nach einem schönen, harmonischen Weihnachtsfest von der Wirklichkeit eingeholt wurde oder noch wird. Und dabei meine ich nicht nur diejenigen, die nach den schlimmen Ereignissen in Berlin erschüttert oder verängstigt sind. Oder sogar zu den Opfern des furchtbaren Anschlags gehören. Es hätte auch ohne diese drastischen Geschehnisse viele gegeben, für die ein frohes und unbeschwertes Weihnachten 2016 in weiter Ferne liegt. Deren Leben gerade einfach nicht so ist, dass sie unbeschwert und fröhlich feiern können. Und diesen Menschen möchte ich heute kein oberflächliches „frohe Weihnachten“ entgegenschleudern. So ein Allerweltswunsch, der kein bisschen hilft.

Deswegen will ich jetzt Mal ein wenig aussortieren. Einfach aus Feingefühl und Rücksichtnahme: Wem kann ich wahrscheinlich heute kein frohes Weihnachten wünschen? Wer wird wohl – bei allem Bemühen - nicht wirklich froh sein können?

Nun, dann fange ich mal mit all denjenigen an, die einfach zu traurig sind für ein frohes, unbeschwertes Fest. Vielleicht, weil sie in den letzten Wochen und Monaten einen wichtigen, wertvollen Menschen verloren haben? Ein Todesfall oder eine Trennung. Und sie kommen einfach nicht drüber hinweg. Und auch der schönste Weihnachtsbaum vertreibt nicht das Gefühl von Leere und unersetzlichem Verlust? Diesen Menschen ein frohes Fest zu wünschen, wäre doch wirklich nur zynisch, oder?

Ich mache mal weiter: Was ist mit denjenigen, die zu Weihnachten keinen Frieden finden? Obwohl doch die Engel was von „Frieden auf Erden“ gesungen haben. Und auch dabei meine ich nicht nur die unzähligen Opfer von Krieg, Gewalt und Terror an so vielen Orten dieser Welt. Auch in manchen Familien, Ehen oder Partnerschaften wird’s heute wieder Krach geben. Tränen und Geschrei. Hoffentlich wird es wenigstens nirgends zu Handgreiflichkeiten kommen. Und so manche mit festen Vorsätzen begonnene Weihnachtsfeier wird leider als Scherbenhaufen enden. All diesen Menschen kann ich wohl ebenfalls kaum ein frohes Weihnachten wünschen.

Aber es geht ja noch weiter. Jetzt sortieren wir mal all diejenigen aus, die auch zu Weihnachten ihre Existenzängste einfach nicht loswerden. Weil ihr eigenes Geschäft kurz vor dem Konkurs steht. Oder weil sie an ihrem Arbeitsplatz schon auf der Abschussliste stehen. Weil nicht nur der Chef, sondern sogar die Kolleginnen und Kollegen schon beschlossen haben: Wenn jemand gehen muss, dann der oder die. Oder weil sie schon aus der berufstätigen Bevölkerung herauskatapultiert wurden; seit Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren keine Arbeit finden. Und auch keine Perspektive für die Zukunft. Wie klingt in deren Ohren wohl ein „frohes Weihnachten“?

Soll ich weitermachen: Was ist mit den Kindern, deren größter Wunsch zu Weihnachten sein wird, dass keiner sie schlägt? Was ist mit denen, die nichts unterm Weihnachtsbaum finden werden, weil einfach kein Geld für Geschenke da ist? Was ist mit den Schülerinnen und Schülern, die in ihren Klassen gemobbt werden? Was ist mit den Erwachsenen, die völlig überschuldet sind? Was mit denen, die vor den Trümmern ihrer Ehe oder Familie stehen? Was ist mit denen, die auch zu Weihnachten nicht gesund sein werden? Die möglicherweise wissen, dass sie niemals mehr gesund werden. Und das dieses Weihnachten Ihr Letztes sein wird? Was ist mit denen, die heute Abend völlig allein vor einem Fernseher sitzen. Ohne, dass einer sie auch nur anruft? Was ist mit denen, die nicht einmal ein Wohnzimmer oder eine Fernseher haben, um vor ihm zu sitzen? Ich glaube, ich könnte noch lange weitermachen …

… aber all diejenigen unter Ihnen, auf die das alles überhaupt nicht zutrifft – diejenigen, die in ihrem eigenen Leben immer noch nur Glück und Harmonie finden und die sich auch durch schlimme Nachrichten aus der Welt nicht ihren Optimismus nehmen lassen – denen wünsche ich jetzt noch mal von Herzen ein frohes Weihnachtsfest. Wir wenigen Unbeschwerten: Wir werden’s uns so richtig heimelig und schön machen, oder? Die anderen – die tun uns natürlich furchtbar Leid.

 

Aber – mal ganz ehrlich – ich glaube: Es gibt fast nur noch diese „Anderen.“ Denn irgendeine Sorge, irgendein Problem, irgendeine Krise hat wahrscheinlich jeder von uns gerade zu tragen. Und gerade deswegen wäre es für uns doch so wichtig, dass wir das mal für ein paar Tage vergessen dürften. Dass wir unsere Last, die wir sonst mit uns rumschleppen müssen, einfach für ein paar Tage nicht spüren müssten. Oder auch nur für ein paar Stunden. Und darum strengen wir uns so an vor Weihnachten. Bemühen uns, neben allem anderen Stress so sehr, dieses Fest zu etwas Besonderem zu machen. Aber: Wie schnell ist der Glanz dieses Abends verflogen. Wenn es uns überhaupt gelingt, unsere Sorgen und Probleme aus der guten Weihnachtsstube draußen zu lassen. Vielen von uns wird das wohl auch heute Abend nicht wirklich gelingen.

Wenn das aber so ist. Wenn unser ganzes Bemühen um ein bisschen Harmonie uns höchstens ein paar Stunden schönen Schein schenkt, wenn überhaupt: Sollten wir dann eigentlich noch anstrengen und Weihnachten feiern? Wir könnten’s ja auch bleiben lassen. Und einfach mit unserem Alltag weitermachen. Dann gäbe es eben überhaupt keine Pause, keine Ablenkung von unserem Stress, unseren Sorgen, unserer Angst und unserer Trauer. Dann wäre alles so wie sonst auch. Das wäre zwar nicht schön, aber irgendwie ehrlicher, oder?

 

Ich habe da noch ein andere Idee: Wie wäre es, wenn wir dem alten, ursprünglichen Weihnachten ein Chance gäben? Und das meine ich mit vollem Ernst. Wie wäre es, wenn wir mal nicht ständig überlegen würden, was wir alles für ein schönes Weihnachten tun müssen – sondern Weihnachten was für uns tun lassen. Denn das ist eigentlich der Ursprung und der Sinn dieses Festes: Wir feiern nicht, was wir alles Tolles aufbieten können, um unsere bittere Wirklichkeit mit Zuckerguss zu verzieren. Wir feiern, dass wir einen Gott haben, der in unsere bittere Wirklichkeit hineinkommen will. Und damit macht er gleich bei seiner Geburt Ernst: Eltern ohne Geld und Ansehen. Ein Stall – nicht einmal eine Bruchbude von Haus. Niemand, der etwas davon mitbekommt als ein paar Hirten, die zufällig in der Nähe sind. Und kurze Zeit später schon: die Flucht vor einen wild gewordenen Diktator, der dieses Kind zu gerne über die Klinge springen lassen würde. Eigentlich hört sich auch die Weihnachtsgeschichte gar nicht so nach heiler Welt an. Aber der, der da in unsere unheile Welt hineinkommt, der weiß genau, was er tut. Der will uns nämlich nicht allein lassen. Der will bei uns sein, gerade in unseren Sorgen, unserem Stress, unserer Angst und unserer Trauer. Der macht die Welt zwar nicht durch ein Fingerschnippen zu einem Paradies. Aber der schenkt einem Mut, wenn man selbst keinen mehr hat. Der schenkt einem die Kraft, die einem selbst gerade fehlt. Der sagt uns mitten im Gefühl der größten Einsamkeit: „Du bist nicht allein. Ich bin da.“ Der hält mit uns unseren Streit aus, unsere Angst, unsere Belastungen. Der hält mit uns durch und bringt uns aus allem Düsteren, Bedrohlichen und Belastenden heraus – ans Licht. Denn das will er für uns sein: ein Licht der Hoffnung in einer oftmals sehr dunklen Welt.

Aber diese Licht entgeht uns, wenn wir zu viele eigene anzünden. Zu viele Kerzen an den Weihnachtsbäumen. Zu viel elektrische Lampen in unseren Vorgärten. Zu viele bunte Lichterketten in unseren Fenstern. Das alles ist gut gemeint und unser redliches Bemühen, uns selbst ein besonders schöne Zeit zu machen. Die eigentliche Botschaft von Weihnachten aber ist: Du musst deine Welt nicht selbst heil machen. Hier kommt einer zu Dir, der will das für Dich übernehmen. Aber anders, als Du dir das vielleicht vorstellst. Der wird nicht alle Probleme für dich aus dem Weg räumen. Aber er wird dich in keinem deiner Probleme jemals alleine lassen. Er wird sie alle mit dir tragen - und dir hindurch helfen. Denn das Ende soll für dich ein Gutes sein. Und weil du das schon jetzt wissen darfst, sollst du zuversichtlich werden. Und hoffnungsvoller. Sollst in allen deinen Problemen nicht untergehen - sondern über sie hinaussehen dürfen. Auf einen Weg, den Jesus Christus für dich gebahnt hat. Hin zum Licht, zur Freude, zur Unbeschwertheit. Hin zu Gott. Nicht erst nach diesem Leben. Sondern schon jetzt, mitten in all deinen Sorgen, soll es beginnen. So, wie es auch damals zu Weihnachten begonnen hat. Mitten in Armut, in Unwirtlichkeit, in Verfolgung und in Angst.

Weil das Kind, das damals in diese armselige Wirklichkeit hinein geboren wurde, der wahre Herr der Weihnacht ist: der Jesus von Nazareth, der für so viel Arme, Ängstliche, Traurige und Kranke das Licht der Hoffnung wurde.

 

Deshalb wünsche ich Ihnen allen jetzt noch einmal ein „frohes Weihnachtsfest“. Und diesmal wirklich allen von Ihnen: Ganz gleich, wie groß oder klein ihre Sorgen gerade sein mögen. Ganz gleich, ob die heute Abend vor Ihrer Wohnungstür bleiben oder sich doch wieder zu Ihnen ins Wohnzimmer stehlen werden. Denn ich bin ganz sicher: Wer heute Abend auch bei Ihnen mit dabei sein wird, dass ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, der damals in die Welt kam, um uns nie mehr allein zu lassen.

 

Amen

(Hansjörg Jörger, Gemeindepfarrer)

 


 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

 

Zum Nachlesen:

>> Predigt zu Lukas 9, 10-17

>> Predigt zu Jesaja 35,3-10

>> Predigt zu Lukas 2, 1-20

>> Predigt zu Johannes 21,15-19

>> Predigt zu 4. Mose 11, 11-12, 14-17, 24-25

>> Geistliches Wort Herbst 2015

>> Ansprache zum Silvesterabend 2015

>> Predigt zu 2. Kor. 1,3-7