Evangelische Immanuel-Pfingstberg-Gemeinde

Geistliches Wort

Predigt zu Kol.2,12-15, Ostermontag 2017

Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe, und mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in euren Sünden und in eurem selbstsüchtigen Wesen.

Er hat uns alle Sünden vergeben, er hat unseren Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns stand, und hat ihn weggeschafft und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewaltigen entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat über sie triumphiert.

 

Liebe Gemeinde,

ich möchte Sie heute Morgen einladen, mit mir einen Besuch zu machen. Wir wollen ein paar Herren bei der Arbeit über die Schulter sehen. Die sind jetzt nämlich gerade sehr beschäftigt. Die machen nie Urlaub oder Wochenende, die haben keine Pausen, die arbeiten immer. Unser Weg führt uns in eine große Stadt. Sie hat keinen Namen. sie sieht ein Bisschen aus wie Frankfurt, oder wie London, oder vielleicht auch wie New York. In der Straße, in die wir einbiegen, stehen große Bürogebäude. Ein Hochhaus neben dem anderen. Vor dem größten bleiben wir stehen. Es ist das protzigste Gebäude weit und breit. Es muss einer Firma gehören, die viel Macht und viel Geld hat. Wir fahren mit dem Aufzug ganz weit hinauf. In die Chefetage. Wir gehen durch lange Korridore. An einer Tür bleiben wir stehen. Dahinter scheint geschäftiges Treiben zu herrschen. Vorsichtig drücken wir die Klinke und öffnen die Tür einen Spalt. Nun können wir den Raum dahinter sehen. Es ist ein großes Bürozimmer. Aktenschränke stehen links und rechts an der Wand. In der Mitte stehen mehrere große Schreibtische. Und an jedem sitzt ein Mann. Sie sehen sich alle irgendwie ähnlich. Aber jeder hat ein Namensschild an seinem grauen Anzug. Sie sind alle nicht schön anzusehen. Manche sind feist und aufgebläht, manche wirken eher dürr und ausgemergelt. Aber von allen geht etwas Unangenehmes, etwas Beunruhigendes aus. Am meisten von ihren Gesichtern. Neben hektischer Geschäftigkeit spiegelt sich in ihnen vor allem - Schadenfreude. Wir beobachten, was diese Herren tun. Sie lesen Papiere, die aus großen Rohrpostleitungen auf ihren Schreibtisch kommen. Und jedes Mal freuen sie sich, wenn sie so ein Blatt Papier lesen. Dann ziehen sie aus einer Schublade eine Akte hervor, und ordnen das Blatt ein. Sie lachen und kichern hämisch bei ihrer Arbeit. Wir versuchen, einmal einen Blick auf so ein Blatt Papier zu werfen.

Gerade kommt wieder eines auf einen Schreibtisch. Als Überschrift lesen wir groß und fettgedruckt: „Schuldschein“. Und dann erschrecken wir, denn darunter lesen wir unseren eigenen Namen, ein jeder von uns den Seinen.

Wer sind diese Männer? Was tun sie hier? Diese Herren - sie sind die wahren Mächtigen dieser Welt. Sie sind schon sehr alt, so alt wie die Menschheit. Immer schon sind sie ihrer Beschäftigung nachgegangen: Schuldscheine sammeln. Jeder Mensch auf der Welt ist in ihren Akten vermerkt. Keiner entkommt ihnen. Ihr größtes Bestreben ist es, die Menschen dazu zu bringen, dass sie Schuld auf sich laden, dass sie schuldig werden. Dazu hat jeder von ihnen seine eigene Methode: Da ist z.B. Herr Angst. Er versteht es meisterhaft, die Menschen dazu zu bringen, dass sie sich Sorgen machen. Er kann sogar so weit gehen, dass Menschen jegliches Vertrauen in die Zukunft verlieren. Dass sie keine Hoffnung mehr haben in sich oder in andere Menschen; ja, und auch kein Vertrauen in Gott mehr. Und in dieser Angst, die sie auffrisst, machen die Menschen dann oft genau das Verkehrte: sie wählen z.B. eine radikale Partei, oder geben anderen die Schuld an ihrer Lage, werden intolerant und gewalttätig. Das alles weiß Herr Angst, und er freut sich, wenn er sein Ziel mal wieder erreicht hat. Oder da ist auch Herr Hass. Er hat zur Zeit viel zu tun, ganz besonders in Syrien und im Irak – aber auch an vielen anderen Orten. Sein Ziel ist es, die Menschen böse aufeinander zu machen. So böse, dass sie in dem anderen nicht mehr den Bruder oder die Schwester sehen, sondern nur noch den Feind. Dass sie bereit sind für Mord und Totschlag. Dann freut sich Herr Hass, denn dann kommen viele Schuldscheine auf seinen Schreibtisch. Da ist aber auch Herr Gier. Er will den Menschen einreden, dass man nicht glücklich sein kann, wenn man nicht das hat, und jenes hat, und dann dies noch und dann... haben-haben-haben. Vor allem muss jeder mehr haben als sein Nachbar. Der ist der Konkurrent, den man ausbooten muss, im Beruf und im Privatleben, notfalls mit den Ellenbogen. Herr Gier arbeitet in dem Bereich viel mit Herrn Neid zusammen. Aber es sind noch viele andere Herren in diesem Raum. Auf den Namensschildern lesen wir: Herr Lüge, Herr Bosheit, und viele andere uns wohlbekannte Namen. Ich sehe noch einmal auf so einen Schuldschein: Es steht mein Name drauf. Niemand entkommt diesen Herrn.

Schließen wir die Tür. Wir haben genug gesehen. Die schadenfrohen Gesichter dieser Herren sind uns noch vor Augen. Aber wenn wir genau hingeschaut haben, dann ist uns etwas aufgefallen. Da war noch etwas anderes in ihren Gesichtern. Etwas, was nicht passte: Es war Angst. Diese Herren, diese Mächtigen über die Menschen, sie haben Angst. Und ihre hektische Betriebsamkeit hatte etwas Verzweifeltes an sich. so, als würden sie verbissen versuchen, ein Spiel zu gewinnen, dass sie schon lange verloren haben.

Ich möchte mit Ihnen noch einen weiteren Besuch machen. Kommen Sie mit mir, auf einen Hügel vor einer Stadt. Da stehen 3 Holzkreuze. Drei Männer hängen daran. Der mittlere trägt eine Dornenkrone. Die Stadt, vor der wir stehen, heißt Jerusalem. Der Hügel heißt Golgatha. Wir stehen vor dem Kreuz Jesu. Die Holztafel mit der Aufschrift „INRI“ hängt über seinem Kopf. Aber an diesem Holzkreuz hängt noch mehr. Wir sehen es staunend: das Kreuz ist über und über behängt mit Zetteln. Überall sind sie an das Holz geheftet. Wir gehen einen Schritt näher und lesen: auf jedem dieser Zettel steht als Überschrift: „Schuldschein“. Hier hängen sie - die Schuldscheine, die die Herren der Welt so eifrig sammeln. Viele Namen stehen auf den einzelnen Blättern, und auch unsere Namen sind darunter. Jeder dieser Schuldscheine ist durchgestrichen. Und mit blutroter Schrift steht auf jedem: getilgt. Hier, am Kreuze Jesu, hängt die Schuld der ganzen Welt.

Und sie ist nichtig - null und nichtig, durch die Erlösungstat Jesu Christi: Erinnern wir uns noch einmal daran, was in unserem Predigttext stand: „Er hat uns alle Sünden vergeben, er hat unseren Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns stand, und hat ihn weggeschafft und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewaltigen entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat über sie triumphiert.“

Diese emsigen Herren mit ihren Schuldscheinen - sie müssen sich beugen vor Jesus Christus. Die Mächte und Kräfte, die uns Menschen in Schuld verstricken - ihre Macht ist durch das Kreuz gebrochen. Aber nicht nur Schuld, sondern auch Angst, Leid, Krankheit und Tod - sie alle haben nicht mehr das letzte Wort über uns, sondern der Mann am Kreuz. Das ist die Botschaft von Ostern. Und es ist Gottes großes Geschenk an uns. Das heißt nun nicht, dass es in unserem Leben keine Schuld, kein Versagen, keine Verzweiflung mehr geben wird. Aber der Glaube an Jesus Christus ist eine Kraft, die die Mächte dieser Welt in ihre Schranken weisen kann. Er kann uns helfen, Frieden mit Gott zu finden, Frieden mit unseren Mitmenschen und Frieden in uns selbst. Wenn unsere Schuld das ist, was zwischen uns und Gott steht, dann kann er die Verbindung wieder herstellen. Wenn unsere Schuld das ist, was zwischen uns und unseren Mitmenschen steht, dann kann er den Weg zueinander freimachen. Wenn unsere Schuld das ist, was wir uns selber nicht verzeihen können, dann kann er einen Neuanfang bewirken. Wenn wir dieses große Geschenk Gottes annehmen, so kann uns das helfen, mit unserer Vergangenheit zu leben und mutig und vertrauensvoll in die Zukunft zu gehen. Lesen wir dazu noch einmal aus unserem Predigttext: „Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe, und mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in euren Sünden und in eurem selbstsüchtigen Wesen.“

Die Taufe - sie ist das Zeichen, in dem Gott jedem einzelnen Menschen zusagt: „Du bist mein Kind und gehörst zu mir. Die Herren der Welt - sie haben keinen Anspruch mehr an dir. Weder Schuld noch Leid noch Tod.“ Mit der Taufe haben wir Gottes eindeutige Zusage zu uns Menschen erhalten. Und in der Botschaft von Kreuz und Auferstehung sehen wir diese Zusage verwirklicht. Alles, was uns belastet, alle, was uns Angst macht - es ist mit Jesus ans Kreuz geschlagen und ins Grab gelegt worden. Und wenn wir daran glauben, dass er aus diesem Grabe auferstanden ist, dann können wir auch daran glauben, dass das Böse dieser Welt am Kreuz und im Grab zurückbleibt. Und dann haben die Mächte dieser Welt nicht mehr das letzte Wort über uns.

Auch wenn uns das Leid und das Elend in dieser Welt immer wieder sprach- und hilflos macht. Auch wenn wir angesichts mancher Skrupellosigkeit und Brutalität nicht mehr wissen, was wir tun sollen – es bleibt uns die Hoffnung, dass Gottes Liebe stärker ist. Dass sie letztlich über alle bösen Mächte in uns und um uns triumphieren wird. Dann können auch wir uns in aller Angst, in aller Verzweiflung an dem festhalten, der uns seinen Trost und seine Hoffnung zusprechen will. Dann können auch wir die Kraft finden, Hass mit Liebe zu überwinden – gegen alle Übermacht der Gewalt.

Wir sind nun am Ende unserer kleinen Reise angelangt: Bei uns selbst, in unserem eigenen Leben. Nehmen wir die Botschaft des Kreuzes auf und das Geschenk Gottes an. Ich weiß, dass die Herren dieser Welt noch so manchen Schuldschein sammeln werden – auch von mir. Aber ich weiß auch, dass sie nicht das letzte Wort über mich haben werden. Meine Schuld und mein Versagen, aber auch meine Angst und meine Ungewissheit bleiben am Kreuz und im Grab Jesu zurück. Er selbst aber ist auferstanden. Im Glauben daran liegt die Verheißung von neuem Leben. Für diese Welt und für alle Menschen in ihr, auch für Sie, auch für mich.

Amen