Evangelische Immanuel-Pfingstberg-Gemeinde

Geistliches Wort

Predigt zu Daniel 12, 1b-2

„Zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen zum ewigen Leben.

Liebe Gemeinde,

„Warte – ich schreib’s mir auf. Dann geht’s nicht verloren.“ Ein alltäglicher Satz, den wir wohl alle immer mal wieder im Munde führen. Z.B. am Telefon, wenn wir uns eine andere Nummer notieren oder ein Nachricht, die wir jemanden ausrichten sollen. Oder wenn uns z.B. in diesen Tagen eine gute Idee für ein Weihnachtsgeschenk einfällt, dann schreiben wir uns das als Gedankenstütze gerne auf einen Zettel. Aufschreiben ist für uns Menschen eine gute Methode, dass Informationen nicht vergessen werden, nicht verloren gehen; damit Termine eingehalten werden; damit uns nichts Wichtiges entgeht. In manchen Berufen ist das Notizbuch ein selbstverständlicher Begleiter; in vielen Familien erfüllt ein Wandkalender eine ähnliche Funktion.

Und auch über die alltäglichen Aufgaben und Verpflichtungen hinaus hilft uns das Aufschreiben, Ereignisse, Dinge und Personen vor dem Vergessen zu bewahren. So führen z.B. manche Menschen auch heute noch ein Tagebuch, um sich später an bestimmte Erlebnisse erinnern zu können. Eine edlere Variante dieser Erinnerungsbewahrung ist seit etwa 100 Jahren das Fotoalbum, welches bestimmte Ereignisse und Personen sogar bildlich festhalten kann. Und die ganz moderne ist natürlich das Smartphone, das für uns Text- und Sprach- Nachrichten, Bilder und Videos speichert und konserviert.

Aber: Was wir Menschen mit all dem festhalten können, bleibt auf Erinnerungen beschränkt. Wir können uns mit einer Tagebuchaufzeichnung, einem schönen Foto, einem Video an besondere und wichtige Tage unseres Lebens zurück erinnern – wir können aber den Tag selbst nicht noch einmal durchleben. Das Gleiche gilt auch für Menschen, die von uns gegangen sind und die uns lieb und wichtig waren. Wir können sie in unseren Herzen behalten, wir können sie auf Bildern oder in geschriebenen Worten für uns aufheben, wir können sogar durch eigene Redensarten oder Verhaltensweisen ein Stück von ihnen in uns selbst tragen – den geliebten Menschen selbst aber können wir nicht im Leben halten, wenn seine Zeit auf dieser Welt abgelaufen ist.

Viele, die heute unter uns sind, haben genau dies in den letzten 12 Monaten erleben müssen: Dass ein vertrauter und wichtiger Mensch von uns gegangen ist – aus dieser Welt und seinem irdischen Leben hinaus – und wir blieben zurück. Das mag im Einzelnen sehr unterschiedlich gewesen sein. Manche unserer lieben Verstorbenen durften nach einem langen, erfüllten Leben friedlich einschlafen. Manche wurden durch den Tod von einem langen und schlimmen Leidensweg erlöst. Zu anderen kam der Tod unerwartet und plötzlich. Zu manchen kam er auch viel zu früh und oftmals löste er großes Erschrecken und tiefen Schmerz bei den Hinterbliebenen aus.

Doch allen, die heute einem lieben und wichtigen Menschen gedenken, ging es mit einem gleich: Wir mussten diesen Tod einfach hinnehmen. Nichts, das in unserer Macht liegt, konnte ihn abwenden. Wir spürten die Hilflosigkeit und oftmals auch die Verzweiflung, mit dem wir Menschen vor diesem unabänderlichen Schicksal stehen. Und wir spüren immer noch, dass mit jedem gestorbenen Menschen, der uns nahe stand, eine große und unschließbare Lücke in unseren Leben zurückbleibt. Ein Loch, ein Vakuum dort, wo vorher Vertrautheit und Verbundenheit, ja oftmals Liebe ihren selbstverständlichen Platz hatten. Und so sind es nicht nur schöne und fröhliche Gefühle, die uns beim Anblick mancher Fotos, beim Lesen mancher alten Zeile überkommen, sondern auch Wehmut und Trauer, weil sie uns an einen lieben Menschen erinnern, der nun nicht mehr da ist.

„Ich schreib’s mir auf – dann geht’s nicht verloren.“ – Für uns Menschen kann dieser Satz tatsächlich nicht mehr sein als eine alltägliche Redewendung. Aber bei Gott, so will uns unser heutiger Bibeltext sagen, ist es anders. Denn über ihn steht im Buch des Propheten Daniel: „Zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen zum ewigen Leben.“

Das sind bildhafte, gleichnishafte Worte. Sie wollen etwas ausdrücken, was eigentlich über unser menschliches Begriffsvermögen geht. Etwas, das wir uns weder erklären noch wirklich vorstellen können. Etwas, bei dem unser Verstand einfach nicht mehr mitkommt. Und doch etwas, auf das wir zutiefst hoffen – für diejenigen, die wir zu Grabe tragen mussten und letztlich auch für uns selbst. Nämlich dass der Gott, an den wir glauben und dem wir vertrauen, die Macht hat, nicht nur die schöne Erinnerung an einen Menschen über seinen Tod hinaus zu bewahren – sondern tatsächlich diesen Menschen selbst. Sein Wesen, seine Persönlichkeit, seine Seele – ganz gleich, wie wir es nennen wollen. Gott, so sagt uns dieses Wort aus längst vergangenen Zeiten, kann jeden Menschen davor bewahren, in das Nichts und das endgültige Vergessen zu versinken. Er hält uns auch nach unserer irdischen Lebenszeit fest in seiner Hand. Er behütet und beschützt uns – auch wenn wir über das irdische Leben hinausgegangen sind. Wie – das kann sich unser Verstand nicht erklären. Und darum sind diese Worte aus dem Buch Daniel auch keine beweisbaren Fakten oder klar auf der Hand liegende logische Schlussfolgerungen.

Ich werde ihnen, liebe Gottesdienstbesucher, heute dazu auch keine schlüssige und überzeugende Beweisführung liefern können. Ich kann Ihnen aber das weitergeben, was dieser Bibeltext schon immer in sich trug und weshalb er seit hunderten von Jahren in den Kirchen verlesen wird: die große Hoffnung, die in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht wird. Zwei sind es, die ich in ihm gefunden habe. Und beide möchte ich nun noch ein wenig vor Ihnen ausbreiten.

Das erste Bild ist die Vorstellung, dass Gott auch so etwas wie ein Notizbuch hat. Und das er auch – so wie wir – immer wieder etwas in dieses Buch hineinschreibt. Aber was Gott in sein Buch schreibt, das sind keine Termine oder Mitteilungen – das sind Menschen. Menschen, so, wie Sie und ich.

Und dadurch, dass Gott uns in seinem Buch verewigt hat, sind wir für alle Zeiten aufgehoben und geschützt. Sogar vor der vernichtenden Macht des Todes. Er kann uns das irdische Leben nehmen. Er kann uns von den Leben trennen. Er kann uns aus dieser Welt abberufen. Aber er kann uns nicht gänzlich vernichten oder für alle Zeiten an sich binden. Er muss uns wieder hergeben, aus seiner schrecklichen Macht entlassen. Denn wer da wirklich das letzte Wort über uns hat, das ist nicht der Tod – sondern eben der Gott, der in Jesus Christus zu uns gesagt hat: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an Mich glaubt, der wird leben – sogar im Tod.“ Und: “Freut Euch, dass Eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ Wie die Bilder und Texte in einem Buch, so sind auch wir für immer geborgen und aufgehoben im Buch des Lebens, das unser Gott gegen die Macht des Todes schreibt – von Anbeginn der Zeiten bis zum letzten Tag.

Und weil durch ihn der Tod keine endgültige Macht mehr über uns hat, kann unser Bibeltext auch sein zweites Bild vor uns ausbreiten. In diesem vergleicht er den Tod mit einem Schlaf. Ein Schlaf, in dem die Verstorbenen - von Gott behütet - warten, bis sein Wort sie wieder ins Leben rufen wird. „Ich liege hier und schlafe ganz mit Frieden. Denn du Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ So drückt es ein Psalmbeter aus. Und so hören wir es immer wieder, wenn wir auf dem Friedhof Abschied nehmen. Wir wollen damit zum Ausdruck bringen: Diejenigen, die der Tod uns genommen hat, sind nicht für immer ausgelöscht. Sie sind weiterhin in Gottes Armen geschützt und aufgehoben. So wie Kinder, die in den Armen ihrer Eltern schlafen. Aber eines Tages, wird dieser Schlaf des Todes sein Ende finden – denn Gott wird alle zu einem neuen, unvergänglichen, ewigen Leben erwecken. So, wie er es am Ostermorgen schon an Jesus Christus gezeigt hat. Der Tod ist nur ein zeitlich begrenzter und behüteter Schlaf. Und diejenigen, die ihn schlafen, sind für alle Zeiten in Gottes ewiges Buch geschrieben und aufgehoben.

Bilder, die in unsere Trauer, unsere Hilflosigkeit und unsere Unsicherheit hineinsprechen möchten. Bilder, die uns in der Begegnung mit dem Tod Mut machen wollen, auf einen zu vertrauen, der stärker ist als alle Bösen und zerstörerischen Mächte dieser Welt. Bilder, die nicht mehr sein können als bildhafte Vergleiche – und die doch für so viel mehr stehen. Für eine große Hoffnung, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Eine Hoffnung, die für uns Christen vor allem an Jesus Christus deutlich wurde, als er das Grab und den Tod hinter sich ließ.

Ich wünsche uns heute, am Totensonntag 2017, dass es auch uns in den kommenden Wochen und Monaten gelingen möge - in allem Schmerz und in aller Trauer – an dieser Hoffnung festzuhalten. Und an dem Vertrauen zu einem Gott, der für uns das Leben will und nicht den Tod; die Lebensfreude und nicht die Traurigkeit; die Zuversicht und nicht die Angst. Möge er seinen Frieden in unsere Herzen geben – und die Gewissheit, dass alle, um die wir trauern und weinen, nun in seiner ewigen Liebe aufgehoben und geborgen sind. Bis zu dem Tag, an dem er ihnen und uns sein neues, unvergängliches Leben schenken wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen